Radiologische Situation in der Schweiz und in der Ukraine

Update: 27.04.2022 – 8h00

Das BAG als Verantwortlicher für die Überwachung der Umweltradioaktivität misst mit seinem automatischen Messnetz URAnet und seinem Hochvolumen-Luftfiltern (HVS) kontinuierlich die Radioaktivität in der Luft in der Schweiz.

Seit dem Beginn des russischen Militärangriffs auf die Ukraine geben mögliche Freisetzungen von Radioaktivität in die Umwelt Anlass zur Sorge: In der Sperrzone von Tschernobyl ist es zu Kämpfen gekommen und zudem betreibt die Ukraine 15 Atomreaktoren an vier Standorten, die im Kriegsfall ein erhöhtes Risiko darstellen.

Die Nationale Alarmzentrale der Schweiz (NAZ) ist im Einsatz und erhält Informationen von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Das BAG steht in regelmässigem Kontakt mit den Experten des Ring Of Five, einem Netzwerk für den Informationsaustausch zwischen europäischen Laboratorien, die auf die Messung der Radioaktivität in der Luft spezialisiert sind.

Bisher wurden weder in der Schweiz noch in anderen europäischen Ländern erhöhte Radioaktivitätswerte festgestellt.

Für weitere Information siehe auch:

Situation der nuklearen Anlagen in der Ukraine

Die radiologische Situation der nuklearen Anlagen in der Ukraine ist in den letzten Wochen stabil geblieben. Es gibt keine Hinweise auf Freisetzung von radioaktiven Stoffen. Eine Gruppe von Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) ist am 25. April in die Ukraine gereist. Sie ersetzt Ausrüstung für die Überwachung der Radioaktivität in Tschernobyl und unterstützt das Land bei den dringenden Massnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der durch den Krieg stark gefährdeten nuklearen Anlagen. Die IAEA fasst die Situation wie folgt zusammen:

  • Tschernobyl:
    Nach Angaben ukrainischer Behörden haben die russischen Streitkräfte Ende März die Kontrolle über das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl an ukrainisches Personal zurückgegeben. Das Kernkraftwerk Tschernobyl befindet sich in der nach dem Unfall von 1986 eingerichteten Sperrzone. Bis anhin ist es zu keiner Freisetzung von Radioaktivität gekommen. Wie oft um diese Jahreszeit sind Waldbrände in der Gegend von Tschernobyl ausgebrochen. Deren Auswirkungen sind aber weitgehend lokal.
  • Kernkraftwerke in Saporischschja:
    Die Ukraine hat die IAEA informiert, dass das reguläre Personal das KKW Saporischschja weiterhin betreibt und seine tägliche Arbeit verrichtet, dass aber die Leitung des KKW unter der Kontrolle des Kommandanten der russischen Streitkräfte vor Ort steht.
  • Übrige Kernkraftwerke:
    Zum Status der in Betrieb befindlichen ukrainischen Kernkraftwerke erklärte die ukrainische Aufsichtsbehörde, sieben der 15 Reaktoren des Landes seien weiterhin in Betrieb. Die Strahlungswerte blieben normal und die Sicherheitssysteme seien intakt.
  • Lager mit radioaktivem Abfall:
    In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar schlugen Raketen auf dem Gelände eines Lagers für radioaktive Abfälle in der Hauptstadt Kiew ein, ohne aber das Gebäude zu beschädigen und radioaktive Stoffe freizusetzen.
  • Nukleare Forschungsanlagen in Charkiw:
    In der Stadt Charkiw war eine neue Kernforschungsanlage mehrfach Ziel russischer Angriffe, zuletzt am 26 März. Die Anlage dient der Forschung und Entwicklung sowie der Herstellung von Radioisotopen für medizinische und industrielle Anwendungen. Die IAEA ging davon aus, dass die Schäden keine radiologischen Folgen haben.

Für mehr Informationen verweisen wir auf folgende Quellen:

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Cäsium-137 in bodennaher Luft in der Schweiz

Die Sektion Umweltradioaktivität (URA) des BAG überwacht mithilfe des automatischen Messnetzes URANet ständig die Radioaktivität in der Luft. Die Monitore übermitteln alle 5 Minuten einen Messwert und bei erhöhten Werten werden automatisch Alarme generiert. Die Mittelwerte werden alle 12 Stunden auf radenviro.ch veröffentlicht. Diese Geräte sind zwar empfindlich genug, um einen anormalen Anstieg der Radioaktivität in der Luft festzustellen, kleinste Spuren von Cs-137, die als Folge des Tschernobyl-Unfalls von 1986 sowie der Atomtests in den 1960er Jahren noch immer in der Luft in der Schweiz vorhanden sind, können aber nicht nachgewiesen werden. Um diese Spurenmessungen durchzuführen, betreibt das BAG sechs Hoch-Volumen-Aerosolsammler (HVS). Die Filter der HVS-Sammler ermöglichen die Messung von extrem kleinen Spuren von Radioaktivität in Aussenluft. Sie werden im Normalfall wöchentlich gemessen. Die Sammelzeit kann aber verkürzt werden, wenn es die Situation erfordert. Die Messung erfolgt mit Gammaspektrometrie im Labor.

Häufig finden sich in den Hochvolumensammler-Proben Spuren von Cäsium-137 (Cs-137) mit Werten bis zu einigen µBq/m3 (Mikro-Becquerel pro Kubikmeter Luft). Dabei handelt es sich um Resuspensionen (Aufwirbelung) von alten Ablagerungen auf den Böden (zum Beispiel Tschernobyl-Ablagerungen). Die Nachweisgrenze für Cs-137 beträgt typischerweise 0.2 µBq/m3. Nachweisgrenzen sind im Diagramm unten als ungefüllte Dreiecke dargestellt.

Mit Hilfe dieser beiden sich ergänzenden Systemen ist das BAG in der Lage, die Radioaktivität in der Luft in der Schweiz reaktiv und hochsensibel zu überwachen und sicherzustellen, dass jede Spur von künstlicher Radioaktivität erkannt wird.